Ich habe mal einen Jagdleoparden gestreichelt…
Wiesbadener Tageblatt vom 6.09.2010
Joey und sein Spielzeug
LITERATURHAUS I Saisonstart mit Briefen von G.B. Shaw und Stella Campbell
Dialogwitz mit Tiefgang: Iris Gerath-Prein und Dirk Schäfer im Literaturhaus.
„Oh Joey! Wenn ich Briefe schreiben könnte wie Du, ich würde schreiben an Gott.“ Aber „Joey“ schreibt nicht an Gott, er schreibt an sie. Hunderte von Briefen. Gewissermaßen ist sie ja seine Gottheit: George Bernhard Shaw verehrt Stella Patrick Campbell über die Maßen - um sie gleich darauf wieder zu verfluchen. So geht das 40 Jahre lang, von 1899 bis 1939. Und der Nachwelt bleibt eben jener spannende Briefwechsel einer großen Liebe erhalten.
Er stand nun im Mittelpunkt des Saisonauftakts in der Villa Clementine. Literaturhaus-Leiterin Susanne Lewalter begrüßte aus Anlass des 60. Todestags von Shaw in diesem Jahr zu einem berührenden Abend, der dem Begründer des Diskussionsdramas und der größten Bühnenschauspielerin ihrer Zeit gewidmet war - „beide meist verheiratet, aber nie miteinander“.
Aus dieser sicheren Distanz lieferten sie sich einen verbalen Schlagabtausch voller glühender Liebesbezeugungen, grober Verwünschungen und ironischem Dialogwitz. Was Iris Gerath-Prein und Dirk Schäfer aus diesem Briefwechsel machten, ging weit über eine Lesung hinaus, sondern war eher atemberaubendes Schauspiel. Als Regisseurin von „My Fair Lady“ hat Iris Gerath-Prein am Staatstheater schon das Musical ganz nah an Shaws Vorlage „Pygmalion“ in Szene gesetzt. Dirk Schäfer spielt darin den Professor Higgins.
Wie viel vom intellektuellen Giganten Shaw in dieser Figur steckt, das wurde an diesem Abend ebenso deutlich wie die Tatsache, dass die Rolle der Eliza Doolittle Stella Campbell auf den Leib geschrieben war. Hier der selbstverliebte Dramatiker mit genialer Ausdrucksfülle, in seinem Zynismus und seinem Zorn ebenso eine Urgewalt wie in seiner eruptiven Werbung um sein „Spielzeug“, das er nach seinem Willen formen will; dort die selbstbewusste, selbständige und sensible Diva, die dem „Teppichweber von Worten“ sehr wohl Paroli bieten kann - und sich dennoch von seinen Sonetten „das Herz wundscheuern“ lässt.
Gerath-Prein und Schäfer loten glaubhaft und mit viel Feingespür für Zwischentöne die emotionalen Höhen und Tiefen dieser beiden starken Charaktere aus und lassen sie dadurch lebendig werden. Von der heiteren Schmeichelei bis zum tragischen Schicksalsschlag und dem unterschiedlichen Umgang mit dem Tod von Campbells Sohn im Ersten Weltkrieg: Nicht nur die eigene Befindlichkeit, der Alltag im Theater, sondern auch die Lebenssituation jener Zeit spiegelt sich in ihrer Auswahl der Texte wider. So bleibt der Spannungsbogen den ganzen Abend erhalten, der durch sehr kluge Ideen noch angereichert wird.
Eine davon ist die Entscheidung, auch Musik zu integrieren: Rainer Heute und Thomas Heidepriem von der HR-Bigband gelingt es, die Stimmun-gen in musikalische Kommentare umzuwandeln, virtuos wechselnd zwischen verschiedenen Instrumenten. Ein wunderbarer Dialog zum Dialog. Eine andere ist es, ausgewählte Texte auch übereinander zu sprechen und sich dabei im gleichen Inhalt zu treffen. Und zum Schluss noch einmal ein Revue-Passieren des ganzen sinnlichen Schlagabtauschs mit einer Kurzfassung markanter Begriffe im blitzschnellen Wechsel. „Ich habe mal einen Jagdleoparden gestreichelt...“, ist dieser intensive Abend nach einem Brief-zitat Shaws überschrieben. Aber wirklich zähmen konnte er ihn nie.
Von Birgitta Lamparth
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