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TangO.Und Piaf
 
Dirk Schäfer singt Jacques Brel  .
TangO. Und Piaf...  .
Phantastisches von GOGOL  .
Ich habe mal einen Jagdleoparden gestreichelt...  .


Kieler Nachrichten vom 23.02.2007

Dirk Schäfers neues Programm
"TangO.Und Piaf" feierte im Schauspielhaus eine bejubelte Premiere

Kiel – Mancher wird wegen der Gassenhauer gekommen sein – und wird von Dirk Schäfer und dem Trio Total (Ingo Hirsekorn, Violine, Karsten Schnack, Akkordeon, und Wolfram Nerlich, Bass) auf überzeugende Weise enttäuscht. "TangO.Und Piaf", Schäfers drittes Chansonprogramm nach "Geisterbahn" und dem zum Kieler Kult avancierten Jacques Brel-Abend, geht wiederum eigenwillige Wege, auf denen er das Original nicht kopiert, sondern neu erfindet. So kommen Edith Piafs Welt-Hits Padam und Milord auf sehr leisen Sohlen auf die Schauspielhaus-Bühne geschlichen. Melodiefetzen wehen vom Trio Total herüber, flageolettierende Verfremdungsklänge aus dem Jenseits des so Diesseitigen, skizzenhafte Fragmente aus einem kollektiven Hit-Gedächtnis, die Schäfer anfangs eher sprechend, erzählend statt singend neu zusammensetzt.

Als spreche das Chanson von seinen Anfängen in einem Lebensgefühl der Verlorenheit – oder sagen wir's Sartresch: "Geworfenheit", aus einer wilden Traurigkeit am Leben. Wohl gemerkt: in einer anderen als seiner ursprünglichen Sprache, nämlich Deutsch. Den Übersetzungen, genauer: Nachdichtungen, von Schäfer und Geneviève Granier-Nerlich muss man ein ganz großes Lob aussprechen. Nicht nur wegen der intelligenten Wortspiele, überraschenden Wendungen, der Fähigkeit, den Slang der melancholiegetränkten Gosse ins Hymnisch-Elegische zu steigern. Auch und gerade, weil die Piaf und der Tango damit mehr werden als der Tango und die Piaf, nämlich etwas allgemein Menschliches, trotz allen existenzialistischen Zeitkolorits Überzeitliches, ja, zu einer "Religio". Auch wenn es sich Schäfer in der Coda nicht nehmen lässt, seine Stimme ganz groß zu machen, was Szenen-Bravos und Mitklatschreflexe beim Publikum auslöst.

Das darf, das muss auch, gerade in so mitreißend frotzelnden Adaptionen wie vom grins-gesichtigen Johnny. Wenn Schäfer am Anfang in die Tango-Spelunken Buenos Aires' eintaucht, wirkt das noch etwas zu laut gebrüllt, Löwe, der das Leben bei der schütteren Mähne packt. Zu exaltiert muten Figuren wie der traurige, verspottete Clown im Tango Un dur, un vrai, un tatoué oder Piafs Bravo pour le clown an. Ebenso wie der Lumière tango, der rettungslos verliebt-verlobt-verratene Manuel oder die Haushälterin im Drogenladen namens lebendiger Tod, Madame Fleutio, sind das freilich Steilvorlagen für Schäfers Schauspielkunst.

Wo mancher Schauspieler, der jetzt auch in Chanson macht, lieber bei seinem Leisten geblieben wäre, befruchten sich bei Schäfer das stets auf die Allmacht der Sprache konzentrierte Gesangstalent und die sich der Liedstimmung unterordnende Schauspielerei zu einem wirklichen Gesamtkunstwerk. Ja, man möchte meinen, das Chanson wie der Tango kommen in solcher Darstellungspraxis erst wirklich zu sich, entfalten erst hier ihre ganze – verzweifelte und also kreative – Kraft. Die sprichwörtliche Melancholie des Tangos dabei mit den aus selbem Geist gespeisten Chansons der Piaf zu verbinden, den Dreivierteltakt des Weltschmerzwalzers mit den abgründigen Vierern der Milonga zu vereinen – auch das nennen wir jetzt einfach mal genial.

Dafür gibt's Szenenapplaus en masse und stehende Ovationen von einem Publikum, das auch nach drei Zugaben davon nicht genug hat. Ein Abend, der noch kultiger werden könnte als Dirk Schäfers Hommage an Jacques Brel.

Nächste Aufführungen: 6. März und 22. April, jeweils 20 Uhr im Schauspielhaus

Von Jörg Meyer


Alle Fotos © Sven Gebert
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